28
Sep
2026

Wird RADE das nächste SSB?

Der digitale Sprachmodus RADE kombiniert Machine Learning mit klassischer digitaler Signalverarbeitung. Kann ein KI-basierter Open-Source-Modus langfristig mit SSB auf Kurzwelle konkurrieren?

Seit Jahrzehnten ist SSB der Standard für Sprachkommunikation auf Kurzwelle. Das Verfahren ist vergleichsweise schmalbandig, effizient und steckt praktisch in jedem modernen HF-Transceiver. Die ARRL stellt nun eine provokante Frage: Könnte mit FreeDV RADE eine Betriebsart heranwachsen, die für SSB einmal eine ähnliche Herausforderung darstellt wie SSB vor Jahrzehnten für AM?

Die Frage ist ambitioniert. Technisch ist sie inzwischen aber nicht mehr abwegig. RADE V1 benötigt laut FreeDV nur rund 1,5 kHz HF-Bandbreite, verarbeitet Sprache mit etwa 8 kHz Audio-Bandbreite und soll noch bei einem Signal-Rausch-Verhältnis von ungefähr −2 dB funktionieren. Hinzu kommen Open Source und eine inzwischen begonnene Integration direkt in kommerzielle Funkgeräte.

RADE ist allerdings keine Neuerscheinung vom September 2026. Die Entwicklung begann Ende 2023, RADE V1 wurde im Juni 2025 veröffentlicht. Neu ist der inzwischen erreichte Reifegrad und die zunehmende Geräteintegration. Die aktuelle ARRL-Meldung vom 25. September greift diese Entwicklung auf und rückt damit eine größere Frage in den Mittelpunkt: Kann aus einem technisch interessanten Experiment eine ernsthafte Alternative für Sprachkommunikation auf Kurzwelle werden?

1,5 kHz gegen rund 3 kHz

Einer der auffälligsten Unterschiede zu SSB ist die Bandbreite. Ein typisches SSB-Signal belegt laut Amateur Radio Digital Communications (ARDC) ungefähr 3 kHz. RADE V1 kommt mit etwa 1,5 kHz aus. Zwei RADE-Signale könnten damit theoretisch ungefähr den Spektralbereich beanspruchen, den ein typisches SSB-Signal benötigt.

Gleichzeitig verarbeitet RADE Sprache mit etwa 8 kHz Audio-Bandbreite. Das ist zunächst überraschend: Auf der Funkstrecke wird weniger Spektrum benötigt, während ein größerer Bereich des ursprünglichen Sprachsignals berücksichtigt werden kann. FreeDV und ARDC beschreiben die Wiedergabe deshalb als natürlicher als bei herkömmlicher schmalbandiger Sprachübertragung.

Der Grund liegt im grundlegend anderen Übertragungsverfahren. RADE steht für „Radio Autoencoder“ und kombiniert Machine Learning mit klassischer digitaler Signalverarbeitung. Dabei wird die Sprache nicht einfach wie bei SSB als analoges Signal auf einen HF-Träger umgesetzt. Neuronale Verfahren helfen dabei, die für die Sprachrekonstruktion benötigten Informationen effizient zu codieren und auf der Empfangsseite wieder in Sprache umzusetzen.

RADE verwendet dafür unter anderem den Machine-Learning-Vocoder FARGAN. Bemerkenswert ist auch die Abgrenzung zu früheren FreeDV-Modi: RADE verwendet nicht Codec 2. Die Implementierung ist Open Source und steht unter der BSD-2-Clause-Lizenz. Damit können Funkamateure, Entwickler und Hersteller das Verfahren untersuchen, verändern und in eigene Software oder Hardware integrieren.

Sprache unter dem Rauschen

Noch interessanter wird der Vergleich bei schwachen Signalen. FreeDV gibt an, dass RADE V1 bis zu einem SNR von ungefähr −2 dB arbeiten kann. Das Nutzsignal kann damit schwächer sein als die innerhalb der betrachteten Bandbreite vorhandene Rauschleistung.

Ein direkter Zahlenvergleich mit SSB ist allerdings nur eingeschränkt möglich, weil Messverfahren, Bezugsbandbreiten und Kriterien für Sprachverständlichkeit unterschiedlich sein können. Eine Größenordnung liefert die ITU-R Recommendation M.1467-1 für SSB-Sprechfunk. Dort wird für einen bestimmten maritimen Anwendungsfall ein S/N von 9 dB in 3.000 Hz Bandbreite zugrunde gelegt, um die geforderte Sprachverständlichkeit zu erreichen. Je nach Bedingungen kann SSB auch bei schwächeren Signalen noch Informationen vermitteln, insbesondere mit einem geübten Operator. Eine komfortable Unterhaltung erfordert gewöhnlich deutlich bessere Bedingungen.

Die −2 dB von RADE und die 9 dB aus der ITU-Empfehlung dürfen deshalb nicht einfach als ein Vorsprung von 11 dB interpretiert werden. Dafür müssten beide Systeme unter identischen Bedingungen und nach denselben Kriterien vermessen werden. Die Größenordnung zeigt dennoch, weshalb die Schwachsignaleigenschaften von RADE Aufmerksamkeit verdienen.

Wie sich das praktisch bemerkbar machen kann, zeigt ein von ARDC veröffentlichter Erfahrungsbericht aus Australien. Peter Marks, VK3TPM, betreibt dort ein wöchentliches RADE-V1-Netz mit Stationen aus mehreren australischen Bundesstaaten. Einige Teilnehmer leben in innerstädtischen Gebieten mit hohem HF-Störpegel. Sie berichten laut ARDC, dass SSB dort anstrengend zu hören sei und RADE das Zuhören erleichtere. Das ist ein Praxisbericht und kein kontrollierter Vergleichstest, passt aber zu den technischen Zielen des Verfahrens.

Auch die Endstufe spielt eine Rolle

Bei einem digitalen Übertragungsverfahren genügt es nicht, nur Bandbreite und Empfindlichkeit zu betrachten. Für den praktischen Sendebetrieb ist auch das Verhältnis zwischen Spitzen- und Durchschnittsleistung wichtig. FreeDV nennt für RADE V1 durch ein typisches SSB-Filter einen Peak-to-Average-Power-Ratio, kurz PAPR, von rund 4 dB.

Ein niedriger PAPR erleichtert es, die verfügbare Senderendstufe effizient zu nutzen. Hohe Signalspitzen würden dagegen mehr Leistungsreserve verlangen, damit die Endstufe nicht in einen nichtlinearen Bereich gerät. Gerade bei einem Verfahren für Kurzwellen-Sprachkommunikation ist dieser Punkt praktisch relevant.

RADE erkauft sich seine Fähigkeiten allerdings mit höherem Rechenaufwand. Das Verfahren benötigt deutlich mehr Speicher und CPU-Leistung als klassische Digital-Voice-Systeme. Für einen aktuellen PC ist das kein großes Problem, und laut FreeDV läuft RADE V1 auch auf einem Raspberry Pi 4 oder neuer. Kleine Mikrocontroller wie ESP32 oder STM32 reichen derzeit dagegen nicht aus.

KI ist hier Teil des Funkverfahrens

RADE ist auch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Bei vielen Diskussionen über künstliche Intelligenz im Amateurfunk geht es um Hilfsprogramme, automatische Auswertung, Logbuchfunktionen oder Anwendungen rund um die eigentliche Funkverbindung. Bei RADE steckt Machine Learning unmittelbar im Übertragungsverfahren.

Das neuronale Modell entscheidet damit nicht bloß, was nach einem QSO mit den Daten passiert. Es ist Bestandteil der Verarbeitungskette, mit der Sprache für die Übertragung aufbereitet und beim Empfänger rekonstruiert wird. RADE ist damit ein konkretes Beispiel dafür, wie Machine Learning künftig direkt in einer Amateurfunk-Betriebsart eingesetzt werden kann.

Für den Amateurfunk passt dazu ein weiterer Punkt: Das Verfahren ist offen. Die Modelle und der Programmcode verschwinden nicht in einem proprietären Codec, dessen Funktionsweise und Nutzung von einem einzelnen Anbieter abhängen. Gerade für ein technisch-experimentelles Hobby ist das ein wesentlicher Unterschied.

RADE wandert ins Funkgerät

Eine technisch gute Betriebsart hilft wenig, wenn für jedes QSO erst mehrere Programme, Audiokabel und virtuelle Schnittstellen eingerichtet werden müssen. Deshalb könnte die Geräteintegration für die Zukunft von RADE mindestens so wichtig werden wie seine Übertragungseigenschaften.

Mit FreeDV 2.3.0 wurde im Mai 2026 eine direkte Integration für kompatible FlexRadio-Modelle eingeführt. Bei Geräten der FLEX-8000- und Aurora-Serie lässt sich FreeDV über die Docker-Funktion von SmartSDR 4.2.18 in das System integrieren. Anschließend stehen FDVU und FDVL ähnlich wie andere Betriebsarten zur Auswahl. Ein separater Computer für die eigentliche FreeDV-Verarbeitung ist bei dieser Lösung nicht mehr erforderlich.

Bei Geräten der FLEX-6000-Serie ist weiterhin zusätzliche Hardware vorgesehen, beispielsweise ein Raspberry Pi 4 oder neuer. Andere Transceiver können RADE über einen angeschlossenen Computer und die FreeDV-GUI nutzen.

Zusätzlich steht RADE inzwischen als portable C-Bibliothek zur Verfügung. Das ist für die weitere Verbreitung wichtig, weil eine C-Implementierung wesentlich leichter in Funkgeräte, SDR-Software und andere Anwendungen integriert werden kann als die ursprüngliche Python-basierte Referenzimplementierung.

Der Schritt vom PC-Experiment zur auswählbaren Betriebsart im Funkgerät verändert die Ausgangslage. Ein Modus, der sich ähnlich unkompliziert wie USB oder LSB einschalten lässt, hat eine deutlich niedrigere Einstiegshürde als eine Lösung, die eine zusätzliche Softwarekette verlangt.

SSB besitzt einen Vorsprung, den keine Messkurve beseitigt

Damit ist RADE allerdings noch weit davon entfernt, SSB abzulösen. SSB besitzt einen Vorteil, der sich kaum in Kilohertz oder Dezibel ausdrücken lässt: praktisch universelle Verfügbarkeit.

Ein SSB-Transceiver aus vergangenen Jahrzehnten kann mit einem aktuellen Gerät kommunizieren. Sender und Empfänger benötigen keinen identischen Codec, keine kompatiblen Modellgewichte und keinen bestimmten Softwarestand. Wer auf einem SSB-Bereich CQ ruft, kann davon ausgehen, dass praktisch jeder entsprechend ausgerüstete Funkamateur das Signal empfangen kann.

Bei einem digitalen Sprachmodus muss dagegen auf beiden Seiten ein kompatibles System vorhanden sein. Daraus entsteht das bekannte Henne-Ei-Problem: Hersteller haben wenig Anreiz, eine Betriebsart zu integrieren, die nur wenige Funkamateure verwenden. Funkamateure wiederum investieren weniger Zeit in eine Betriebsart, wenn nur wenige Gegenstationen erreichbar sind.

Auch das Verhalten an der Empfangsgrenze unterscheidet sich. Ein schwaches SSB-Signal wird zunehmend verrauscht und schwieriger verständlich, bleibt für einen erfahrenen Operator unter Umständen aber noch teilweise auswertbar. Digitale Verfahren können lange eine gute Sprachrekonstruktion liefern, erreichen schließlich jedoch ebenfalls einen Bereich, in dem eine zuverlässige Decodierung nicht mehr möglich ist. Welche Charakteristik im konkreten QSO günstiger ist, hängt von den Bedingungen ab.

RADE V2 zielt auf weniger als 1 kHz

Die Entwicklung bleibt zudem nicht bei V1 stehen. Für RADE V2 arbeitet das FreeDV-Team an weiterer Verbesserung der Sprachqualität und einer noch geringeren HF-Bandbreite. Als Entwicklungsziel nennt das Projekt weniger als 1 kHz.

FreeDV berichtete im Sommer 2026 außerdem über gespeicherte Vergleichstests, bei denen die Teilnehmer RADE V2 vor V1 und beide vor SSB einordneten. Diese Ergebnisse stammen aus dem FreeDV-Entwicklungsprojekt und sollten deshalb nicht mit einem unabhängigen neutralen Vergleich verwechselt werden.

Noch wichtiger für Funkamateure: RADE V2 ist derzeit Entwicklungssoftware. Die aktuelle C-Implementierung unterstützt zwar bereits V1 und V2, das FreeDV-Team weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass sich Waveform, Modellgewichte und Programmierschnittstelle von V2 noch ändern können. Zukünftige Versionen müssen mit dem aktuellen Entwicklungsstand nicht abwärtskompatibel sein. Regulären On-Air-Betrieb mit V2 empfiehlt das Projekt derzeit ausdrücklich nicht.

Für die Beurteilung von RADE als heute nutzbarer Betriebsart ist deshalb V1 maßgeblich. V2 zeigt vor allem, wohin die technische Entwicklung gehen könnte.

Wird RADE also das nächste SSB?

Dafür ist es viel zu früh. Der historische Vergleich der ARRL mit dem Wechsel von AM zu SSB beschreibt eine mögliche Größenordnung der Veränderung, keinen absehbaren Ausgang.

Technisch hat RADE inzwischen jedoch mehrere Argumente auf seiner Seite. Rund die halbe HF-Bandbreite eines typischen SSB-Signals, eine große Audio-Bandbreite, gute Schwachsignaleigenschaften, ein für effiziente Leistungsverstärkung günstiger PAPR und eine vollständig offene Implementierung ergeben zusammen ein ungewöhnlich interessantes Paket. Die beginnende Integration in kommerzielle Funkgeräte beseitigt gleichzeitig eine der größten praktischen Hürden bisheriger Digital-Voice-Lösungen.

Auf der anderen Seite steht SSB mit einer über Jahrzehnte gewachsenen Gerätebasis, einfacher Bedienung und nahezu universeller Kompatibilität. Diese Vorteile verschwinden auch dann nicht, wenn RADE unter bestimmten Bedingungen technisch bessere Ergebnisse liefert.

RADE muss SSB allerdings nicht verdrängen, um für den Amateurfunk relevant zu werden. Wenn sich daraus eine verbreitete zweite Möglichkeit für Sprachkommunikation auf Kurzwelle entwickelt, wäre bereits viel erreicht. Besonders interessant ist dabei, dass Funkamateure hier nicht nur Anwender einer neuen Technologie sein können. Durch die offene Entwicklung können sie untersuchen, verändern und mitentwickeln, wie Machine Learning künftig unmittelbar auf dem Funkweg eingesetzt wird.

Ob daraus irgendwann tatsächlich ein Generationswechsel wie von AM zu SSB entsteht, lässt sich heute nicht seriös beantworten. Zum ersten Mal wirkt die Frage aber technisch interessant genug, um sie überhaupt zu stellen.

Interessierst du dich für Technik und Amateurfunk?

Dann besuche uns nach kurzer Voranmeldung an jedem dritten Montag im Monat ab 18:30 Uhr im Galileum in Solingen-Ohligs. Weitere Informationen zu unseren OV-Abenden findest du auf unserer Website www.cqsg.de unter „Termine“.

Wenn du bereits Funkamateur bist, melde dich gern auf unserer OV-Frequenz 144,7125 MHz. Wir freuen uns auf dich! 🤗

Quellen und weiterführende Informationen

🌐 ARRL vom 25. September 2026: Will RADE Be the Next SSB?

🌐 FreeDV: RADE – Radio Autoencoder

🌐 Amateur Radio Digital Communications vom 27. August 2026: FreeDV RADE – A New Approach to Digital Voice over HF, Now Integrated into Popular Radios

🌐 FreeDV vom 9. Mai 2026: FreeDV 2.3.0 FlexRadio Integration

🌐 FreeDV: Download und aktuelle FreeDV-Versionen

🌐 FreeDV auf GitHub: C-Implementierung von RADE V1 und V2

🌐 FreeDV: David June 2026 – RADE V2 Paper

🌐 ITU-R Recommendation M.1467-1: Prediction of A2 and NAVTEX ranges and protection of the A2 global maritime distress and safety system watch channel

Bildhinweis: Mit KI erstellt oder bearbeitet.



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