Neue Satelliten, alte Software: Warum klassische TLE-Daten nicht mehr ausreichen
Mit der NORAD-Katalognummer 100000 endet eine Ära beim Satellitentracking. Neu katalogisierte Objekte passen nicht mehr in das klassische TLE-Format, das viele Amateurfunkprogramme seit Jahrzehnten verwenden. Die Programme können trotzdem weiterhin normal aussehen und aktuelle Daten laden. Neue Satelliten fehlen dann möglicherweise unbemerkt.
Am 11. Juli 2026 wurde der Satellit Saramago mit der NORAD-Katalognummer 100000 in den offiziellen Satellitenkatalog aufgenommen. Damit ist der fünfstellige Nummernbereich ausgeschöpft. Alle anschließend katalogisierten Objekte erhalten sechsstellige Nummern.
Für Beobachter von Amateurfunksatelliten ist das mehr als eine formale Änderung. Zahlreiche Trackingprogramme, Apps und automatische Bodenstationen beziehen ihre Bahndaten noch immer im klassischen TLE-Format. Dieses Format besitzt für die Katalognummer lediglich ein Feld mit fünf Zeichen. Eine Nummer wie 100000 passt dort nicht hinein.
CelesTrak liefert Bahndaten für neu katalogisierte Objekte ab 100000 deshalb nicht mehr als klassische TLE-Datensätze aus. Wer ausschließlich entsprechende TLE-Dateien von CelesTrak verwendet, kann diese Objekte in seiner Software übersehen.
Was TLE-Daten eigentlich enthalten
TLE steht für „Two-Line Element Set“. Ein solcher Datensatz besteht aus zwei streng aufgebauten Textzeilen. Häufig kommt darüber noch eine dritte Zeile mit dem Namen des Satelliten hinzu.
Die Zahlen beschreiben unter anderem:
◉ die Neigung der Umlaufbahn
◉ die Exzentrizität
◉ die mittlere Bewegung des Satelliten
◉ die Lage der Bahn im Raum
◉ den Zeitpunkt, für den die Bahnelemente gelten
Ein Trackingprogramm berechnet daraus mit einem mathematischen Modell wie SGP4 die aktuelle Position des Satelliten. Auf dieser Grundlage entstehen Überflugvorhersagen, Azimut- und Elevationswerte sowie die automatische Doppler-Korrektur eines Funkgeräts.
Das TLE-Format stammt aus einer Zeit, in der Speicherplatz und Übertragungskapazität knapp waren. Jedes Feld besitzt eine festgelegte Position und Länge. Das sparte damals wertvolle Zeichen. Heute wird diese starre Struktur zum Problem.
Fehlt ein Satellit vollständig in der geladenen Datei, kann das Programm für ihn auch keinen Überflug berechnen. Die Software meldet dabei möglicherweise keinen Fehler. Sie zeigt lediglich die Satelliten an, die in der Datei vorhanden sind.
„Das TLE-Format ist voll“ ist eine bewusste Vereinfachung
Die griffige Aussage trifft den Kern des Problems, benötigt aber eine technische Ergänzung. Ausgeschöpft ist das fünf Zeichen lange Feld für die numerische Katalognummer.
Space-Track bietet mit Alpha-5 eine Übergangslösung an. Dabei wird die erste Stelle durch einen Buchstaben ersetzt. Die Katalognummer 100000 erscheint im TLE-Datensatz beispielsweise als A0000. Auf diese Weise lassen sich Nummern bis 339999 innerhalb des alten Fünf-Zeichen-Feldes darstellen.
Diese Lösung verlangt ebenfalls Änderungen an der Software. Ein Programm, das an dieser Stelle ausschließlich Ziffern erwartet, kann einen Alpha-5-Datensatz ablehnen oder falsch auswerten. Space-Track bezeichnet Alpha-5 daher als Zwischenlösung und empfiehlt erweiterbare Formate.
CelesTrak geht einen anderen Weg. Der Dienst stellt neue Objekte ab 100000 nicht als TLE bereit. Dort führt der Weg zu sechsstelligen und später möglicherweise noch längeren Nummern über modernere Datenformate.
OMM ersetzt das starre Zeilenschema
CelesTrak bietet seine General-Perturbations-Daten bereits seit 2020 in mehreren modernen Formaten an:
OMM XML
OMM KVN
JSON
CSV
OMM steht für „Orbit Mean-Elements Message“. Es handelt sich um einen Standard des Consultative Committee for Space Data Systems, kurz CCSDS. XML und KVN sind die standardisierten Darstellungsformen. CelesTrak bietet zusätzlich JSON und CSV mit denselben grundlegenden Feldbezeichnungen an.
Der Wechsel zu OMM bedeutet keine völlig neue Berechnung der Satellitenbahn. Die Daten können weiterhin mit SGP4 verarbeitet werden. Sie befinden sich lediglich in einer flexibleren Struktur. Diese unterstützt bei CelesTrak Katalognummern mit bis zu neun Stellen und verwendet vollständige Zeitangaben. Damit entfällt auch das alte Problem der nur zweistelligen Jahreszahl im TLE-Format.
CSV benötigt vergleichsweise wenig Speicherplatz und lässt sich einfach verarbeiten. JSON ist in vielen aktuellen Softwareprojekten verbreitet. XML und KVN orientieren sich enger am offiziellen CCSDS-Standard.
Warum der Fehler leicht unbemerkt bleibt
Bereits katalogisierte Amateurfunksatelliten mit fünfstelligen Nummern bleiben weiterhin in den TLE-Dateien verfügbar. Programme, die ausschließlich TLE unterstützen, verlieren daher nicht plötzlich alle Satelliten.
Das Risiko betrifft neu katalogisierte Objekte. Dazu gehören insbesondere neue CubeSats, Nutzlasten und weitere Bestandteile eines Starts. Auch ein älteres Objekt kann erst später eindeutig identifiziert und katalogisiert werden. Entscheidend ist der Zeitpunkt der Katalogisierung und die zugewiesene Nummer.
Eine veraltete Anwendung kann somit weiterhin AO-7, die ISS und zahlreiche andere bekannte Satelliten korrekt anzeigen. Gleichzeitig fehlt ein neuer Amateurfunksatellit mit einer sechsstelligen Nummer. Der Datenabruf kann trotzdem erfolgreich erscheinen.
Ein erfolgreiches Update beweist daher nicht mehr automatisch, dass die angezeigte Satellitenliste vollständig ist.
Für den Amateurfunk kann das mehrere Funktionen betreffen:
◉ Überflugvorhersagen
◉ automatische Rotorsteuerungen
◉ Doppler-Korrekturen
◉ Aufzeichnungen geplanter Aussendungen
◉ automatische Empfangsstationen
◉ Webdienste und mobile Apps
◉ eigene Software- und Mikrocontrollerprojekte
Eine Bodenstation kann nur Beobachtungen für Objekte planen, deren Bahndaten sie kennt.
Welche Programme sind vorbereitet?
Die folgende Übersicht basiert ausschließlich auf öffentlich verfügbaren Angaben der jeweiligen Projekte. Sie ersetzt keinen praktischen Test sämtlicher Funktionen. Stand ist der 13. Juli 2026.

Die Tabelle zeigt ein gemischtes Bild. Einige Projekte haben früh reagiert. Bei anderen lässt die offizielle Dokumentation keine eindeutige Aussage zu.
Eine fehlende Bestätigung darf nicht automatisch als Beweis für einen Fehler gewertet werden. Umgekehrt belegt eine weiterhin funktionierende TLE-Aktualisierung keine vollständige Abdeckung neu katalogisierter Objekte.
AMSAT testet moderne Bahndaten
AMSAT stellt General-Perturbations-Daten bereits über einen Testserver in JSON, XML und KVN bereit. Im AMSAT News Service vom 12. Juli 2026 wird dieser Dienst weiterhin als Betatest bezeichnet. Die Übernahme auf den Hauptserver war für Juli angekündigt.
Bestehende TLE-Veröffentlichungen für ältere Amateurfunksatelliten sollen fortgeführt werden. Damit bleibt die Versorgung bisheriger Programme erhalten. Für neu katalogisierte Satelliten werden moderne Formate zunehmend entscheidend.
Die aktuelle AMSAT-Meldung bestätigt damit sowohl die Dringlichkeit als auch die Übergangsphase. Datenanbieter und Softwareprojekte müssen ihre Systeme anpassen. Nutzer werden währenddessen mit unterschiedlichen Kompatibilitätsständen arbeiten.
Kein sofortiger Totalausfall, aber ein klarer Einschnitt
Die bekannten Amateurfunksatelliten verschwinden nicht aus den Trackingprogrammen. Bestehende TLE-Datensätze bleiben nutzbar. Auch das mathematische SGP4-Modell wird durch den Formatwechsel nicht unbrauchbar.
Der Einschnitt zeigt sich bei neuen Katalogeinträgen. Wer neue CubeSats kurz nach einem Start verfolgen möchte, ist besonders betroffen. Auch automatische Stationen und Softwareprojekte sollten ihre Datenquellen und Parser anpassen.
Alpha-5 kann die Lebensdauer bestehender TLE-Strukturen bei Space-Track verlängern. OMM, JSON, XML, KVN und CSV bieten jedoch wesentlich mehr Spielraum. Sie beseitigen neben der fünfstelligen Grenze weitere Altlasten des Formats.
Für den Amateurfunk bringt der Wechsel langfristig Vorteile. Bahndaten können flexibler verarbeitet werden und bleiben auch bei stark wachsenden Satellitenkatalogen nutzbar. Kurzfristig entsteht ein Kompatibilitätsproblem. Ältere Programme funktionieren scheinbar weiter, können aber neue Objekte übersehen.
Softwareentwickler sollten die Umstellung inzwischen als notwendige Wartung behandeln. Nutzer verbreiteter Trackingprogramme benötigen klare Angaben, welche Formate und Katalognummern ihre jeweilige Version tatsächlich unterstützt.
Interessierst du dich für Technik und Amateurfunk?
Dann besuche uns nach kurzer Voranmeldung an jedem dritten Montag im Monat ab 18:30 Uhr im Galileum in Solingen-Ohligs. Weitere Informationen zu unseren OV-Abenden findest du auf unserer Website www.cqsg.de unter „Termine“.
Wenn du bereits Funkamateur bist, melde dich gern auf unserer OV-Frequenz 144,7125 MHz. Wir freuen uns auf dich! 🤗
Quellen und weiterführende Informationen
CelesTrak: Aktuelle Meldung und Dokumentation der GP-Datenformate
Space-Track: Dokumentation zu TLE und Alpha-5
AMSAT News Service vom 12. Juli 2026: General Perturbations Data Support
Look4Sat: Stellungnahme zur Unterstützung von OMM und längeren Katalognummern
SatPC32: Offizielle Versionshistorie und Unterstützung von CSV und XML
Gpredict: Offizielles Projekt-Repository
Orbitron: Offizielle Programmseite
SatNOGS: OMM-Unterstützung im Projekt SatNOGS DB
Bildhinweis: Mit KI erstellt oder bearbeitet.





