27
Sep
2026

JTTY: Ist das Tastatur-QSO zurück?

Mit FT8 und FT4 hat WSJT-X den digitalen Amateurfunk in den vergangenen Jahren stark geprägt. Beide Betriebsarten arbeiten mit festen Sende- und Empfangsintervallen und weitgehend strukturierten Nachrichten. Mit JTTY schlägt das Entwicklerteam jetzt einen deutlich anderen Weg ein. Der neue Digimode erlaubt freie Tastaturkommunikation, kann jederzeit mit einer Aussendung beginnen und soll schwache Signale wesentlich zuverlässiger verarbeiten als klassisches RTTY.

JTTY ist mit WSJT-X 3.2.0-rc1 erstmals öffentlich verfügbar. Der Modus wurde von Joe Taylor, K1JT, entwickelt. Bei der Entwicklung der Modi und der Fehlerkorrektur nennt das WSJT-X-Projekt außerdem Steve Franke, K9AN. Inzwischen wurde JTTY auch in die von Uwe Risse, DG2YCB, und seinem Team entwickelte WS - Digital Mode Suite übernommen, die bis vor wenigen Tagen noch WSJT-X Improved hieß.

Freier Text ohne feste Zeitfenster

Wer FT8 oder FT4 kennt, kennt auch deren klaren Rhythmus. Senden, empfangen und der Ablauf eines typischen QSOs folgen festen Zeitfenstern. Die Nachrichten sind stark strukturiert und auf einen schnellen, zuverlässigen Austausch von Rufzeichen, Rapport, Locator und Abschlussmeldungen ausgelegt. Begrenzter Freitext ist möglich, eine fortlaufende Unterhaltung von Tastatur zu Tastatur ist aber nicht das Betriebskonzept dieser Modi.

JTTY funktioniert anders. Eine Station kann mit der Aussendung beginnen, sobald der Kanal frei ist. Der Modus ist weder an UTC-synchronisierte Sendeintervalle noch an feste T/R-Sequenzen gebunden. Eine Übertragung kann wenige Sekunden oder auch länger dauern. Im Empfangsfenster erscheint der Text fortlaufend, während er eintrifft.

Wie unmittelbar das funktioniert, demonstriert Uwe Risse, DG2YCB, mit zwei über ein virtuelles Audiokabel verbundenen Instanzen der WS Suite. Nach der Eingabe einer Nachricht und dem Klick auf „Send Message“ beziehungsweise dem Drücken der Eingabetaste beginnt die Übertragung sofort. Der Text erscheint auf der Gegenseite fortlaufend. Einen Zeitschlitz wie bei FT8 oder FT4 gibt es dabei nicht.

Damit erinnert die Bedienung wesentlich stärker an klassisches RTTY. Der Operator entscheidet selbst, wann er sendet und was er schreibt. Laut WSJT-X-Dokumentation liegt der fehlerfreie Datendurchsatz bei beliebigem Text bei ungefähr 30 Wörtern pro Minute. Für speziell codierte kurze Contest-Nachrichten sind etwa 60 Wörter pro Minute möglich.

Während einer Aussendung kann weiterer Text eingegeben und für die Übertragung vorgemerkt werden. Damit entsteht tatsächlich wieder das Betriebsgefühl eines Tastatur-QSOs innerhalb der WSJT-X-Welt.

Die derzeitige Implementierung ist allerdings noch nicht fertig. Bei Uwe Risses Demonstration kam ein längerer Testtext nicht vollständig fehlerfrei auf der Gegenseite an. Er weist selbst darauf hin, dass JTTY momentan teilweise noch Schwierigkeiten mit einer fehlerfreien Übertragung hat. Das steht nicht im Widerspruch zum technischen Ziel niedriger Fehlerraten, zeigt aber deutlich, dass ein Release Candidate noch kein fertiges Produkt ist.

JTTY ist technisch ein eigener Modus

Der Vergleich mit RTTY beschreibt vor allem die Bedienung. Technisch arbeitet JTTY nach einem anderen Prinzip und ist ein eigenständiger Digimode.

Zum Einsatz kommt 4-GFSK mit einer Symbolrate von 31,25 Baud. GFSK steht für Gaussian Frequency Shift Keying. Dabei werden Informationen durch unterschiedliche Frequenzzustände übertragen. Die Frequenzwechsel werden durch eine Gauß-Filterung geglättet, wodurch das Signal spektral kompakt bleibt. Bei JTTY werden vier Frequenzzustände verwendet.

Die aktuelle WSJT-X-Dokumentation nennt für JTTY eine Bandbreite von etwa 125 Hz und eine Framedauer von 1,888 Sekunden. Der DARC nennt in seiner Meldung rund 127 Hz. Diese geringe Abweichung ist für die praktische Einordnung unerheblich. Wir orientieren uns bei den technischen Daten an der aktuellen WSJT-X-Dokumentation.

Hinzu kommt eine Fehlerkorrektur mit einer Coderate von 1/2. Vereinfacht gesagt enthält das ausgesendete Signal zusätzliche Informationen, mit denen Übertragungsfehler auf der Empfangsseite erkannt und teilweise korrigiert werden können. Das unterscheidet JTTY grundlegend vom klassischen Amateurfunk-RTTY mit 45,45 Baud.

Das WSJT-X-Team demonstriert diesen Unterschied sogar mit einer mitgelieferten WAV-Datei. Das darin enthaltene JTTY-Signal ist laut Dokumentation so schwach, dass eine vergleichbare Standard-RTTY-Übertragung nur noch grenzwertig und fehleranfällig zu decodieren wäre. Daraus lässt sich allerdings kein allgemeingültiger Empfindlichkeitsvorsprung in einer festen Zahl von Dezibel ableiten. Eine solche Angabe veröffentlicht die aktuelle Dokumentation nicht.

Fünf Zeichen pro Frame und trotzdem schnelle Contest-QSOs

Eine JTTY-Übertragung besteht aus einem oder mehreren Frames. Ein einzelner Frame kann bis zu fünf beliebige Zeichen freien Text enthalten. Für häufig benötigte Contest-Nachrichten verwendet JTTY zusätzliche definierte Formate, mit denen wesentlich mehr Informationen effizient übertragen werden können.

Dafür lassen sich die Funktionstasten F1 bis F8 mit typischen Nachrichten belegen. Rufzeichen, Rapport, laufende Nummer und weitere Bestandteile eines Contest-Austauschs können über Makros eingesetzt werden. Ein CQ-Ruf oder einzelne Rufzeichen benötigen in den Beispielen der Dokumentation nur einen Frame, umfangreichere Contest-Austausche zwei Frames.

JTTY versucht damit zwei Anforderungen zusammenzubringen, die sich bei Digimodes oft gegenüberstehen. Freier Text ist möglich, wenn Funkamateure tatsächlich miteinander schreiben möchten. Für einen Contest muss der Modus trotzdem nicht jeden Buchstaben eines standardisierten Austauschs einzeln übertragen.

Wie unfertig dieser Teil derzeit noch ist, zeigt die Benutzeroberfläche. Neben dem Feld für eine laufende Seriennummer gibt es bereits „Call Next“. Uwe Risse weist jedoch darauf hin, dass dieses Feld in der aktuellen Implementierung noch keine Funktion besitzt. Er vermutet, dass es später einen bereits wartenden nächsten Anrufer in einen schnellen Contest-Ablauf einbinden könnte. Eine solche Funktion ist derzeit aber noch nicht umgesetzt.

Risse betont außerdem, dass Joe Taylor JTTY auch für den Contestbetrieb vorgesehen hat, der Modus dafür zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht freigegeben ist. Die vorhandenen Bedienelemente zeigen damit eher die Richtung der Entwicklung als einen bereits abgeschlossenen Contest-Workflow.

N1MM Logger+ war schon vor der Veröffentlichung vorbereitet

Dass Contestbetrieb bei JTTY von Anfang an eine wichtige Rolle spielt, zeigt die frühe Unterstützung durch N1MM Logger+.

Bereits die am 22. September 2026 veröffentlichte Version 1.0.11449 stellt im Digitalfenster eine WSJT-JTTY-Schnittstelle bereit. In der WSJT-X-Dokumentation ist die Einrichtung bereits beschrieben. Nach der Konfiguration arbeitet WSJT-X mit N1MM Logger+ ähnlich wie andere RTTY-Codecs. Durch die Eingabe von „JTTY“ im Rufzeichenfeld kann WSJT-X in den entsprechenden Modus geschaltet werden. Auch die Funktionstasten und Makros von N1MM lassen sich für die speziellen JTTY-Nachrichten verwenden.

Die Integration zeigt, dass schnelle Contest-Austausche ausdrücklich zu den vorgesehenen Anwendungen gehören. Der tatsächliche Betriebsablauf ist trotzdem noch Teil der laufenden Entwicklung. Die vorhandene N1MM-Anbindung sollte deshalb nicht mit einem bereits endgültig definierten Contestbetrieb verwechselt werden.

Joe Taylors JTTY ist bereits in einer zweiten Software angekommen

JTTY stammt aus der Entwicklung von Joe Taylor, K1JT. Uwe Risse, DG2YCB, betont ausdrücklich, dass er den Modus nicht selbst entwickelt hat. Die in WS 3.2.1 enthaltene JTTY-Implementierung entspricht nach seinen Angaben dem Code, den Taylor mit WSJT-X 3.2.0-rc1 veröffentlicht hat.

Bemerkenswert ist, wie schnell JTTY außerhalb des offiziellen WSJT-X übernommen wurde. Das frühere WSJT-X Improved wurde am 24. September in WS - Digital Mode Suite umbenannt. Die von Uwe Risse, DG2YCB, und weiteren Entwicklern betreute Suite besteht aus WS als Hauptprogramm sowie WS-MAP und EME65.

Bereits mit WS 3.2.1 wurde der JTTY-Code von Joe Taylor auch dort integriert. Risse bezeichnet diese Version ausdrücklich als Beta und warnt davor, den aktuellen Stand als abgeschlossen anzusehen. JTTY sei noch lange nicht ausentwickelt. Änderungen am Protokoll oder an der Art der Implementierung könnten jederzeit erfolgen.

Das ist für Funkamateure wichtig, die den Modus bereits ausprobieren möchten. Eine heute funktionierende Einstellung oder ein bestimmter Bedienungsablauf muss in einer späteren Version nicht unverändert erhalten bleiben.

Wo kann JTTY derzeit ausprobiert werden?

Für erste Tests schlägt das WSJT-X-Team auf dem 20-m-Band 14,090 MHz als gemeinsamen Treffpunkt vor. Zusätzlich wurde eine Liste weiterer Frequenzen von 160 m bis 2 m veröffentlicht.

Diese Frequenzen sind ausdrücklich vorläufig. Das Entwicklerteam weist selbst darauf hin, dass sie sich ändern können, falls JTTY stärker genutzt wird. Es handelt sich damit um vorgeschlagene Treffpunkte für die Testphase und nicht um dauerhaft festgelegte JTTY-Frequenzen.

Auch WSJT-X 3.2.0-rc1 selbst ist noch keine endgültige stabile Version. Ein Release Candidate richtet sich vor allem an erfahrene Anwender, die neue Funktionen testen und Rückmeldungen an die Entwickler geben möchten. Die Erfahrungen aus den ersten Tests dürften deshalb unmittelbar in die weitere Entwicklung einfließen.

Schließt JTTY tatsächlich eine Lücke?

JTTY trifft auf eine interessante Ausgangslage. FT8 und FT4 sind für kurze, strukturierte und auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässige Verbindungen optimiert. RTTY bietet seit Jahrzehnten unmittelbare Tastaturkommunikation, erreicht bei schwachen Signalen aber schneller seine Grenzen. Andere Tastaturmodi wie PSK31 verfolgen wiederum eigene technische Ansätze.

JTTY verbindet die freie Bedienung eines klassischen Tastaturmodus mit moderner Codierung und Weak-Signal-Signalverarbeitung. Hinzu kommen spezielle Formate für schnelle Contest-Austausche und bereits zum Start eine Anbindung an N1MM Logger+.

Das sind gute Voraussetzungen. Ein neuer Digimode setzt sich auf den Amateurfunkbändern allerdings erst dann durch, wenn genügend Stationen ihn tatsächlich nutzen. Jede zusätzliche Betriebsart verteilt die vorhandene Aktivität auf einen weiteren Treffpunkt. JTTY befindet sich außerdem noch in einer frühen Entwicklungsphase, und die ersten praktischen Demonstrationen zeigen, dass auch bei der Übertragungszuverlässigkeit noch Arbeit vor den Entwicklern liegt.

Gerade diese Phase macht den Modus für experimentierfreudige Funkamateure interessant. Für unseren Ortsverband R14 wäre JTTY deshalb auch ein Kandidat für einen eigenen Empfangs- oder Praxistest. Eigene Messungen oder Betriebserfahrungen haben wir bislang noch nicht durchgeführt und schreiben dem Modus daher keine Eigenschaften zu, die wir selbst nicht überprüft haben.

Fazit

JTTY ist wesentlich mehr als ein weiterer Menüpunkt in WSJT-X. Das Betriebskonzept unterscheidet sich deutlich von FT8 und FT4. Funkamateure können frei schreiben, eine Aussendung selbst beginnen und eine fortlaufende Tastaturkommunikation führen. Gleichzeitig bringt der Modus Fehlerkorrektur, geringe Bandbreite und spezielle Contest-Nachrichten mit.

Für den Amateurfunk liegen die möglichen Vorteile auf der Hand: JTTY könnte Tastatur-QSOs auch bei schwächeren Signalen zuverlässiger machen und bietet zugleich einen schnellen Weg für Contester. Dem stehen der frühe Entwicklungsstand, noch unfertige Bedienfunktionen, vorläufige Frequenzempfehlungen und die entscheidende Frage gegenüber, ob sich auf den Bändern dauerhaft genügend Aktivität entwickelt.

Die aktuelle Beta zeigt zudem, warum Zurückhaltung bei endgültigen Urteilen angebracht ist. Uwe Risses Demonstration macht die freie und unmittelbare Kommunikation bereits sehr anschaulich, zeigt aber zugleich noch Übertragungsfehler. Dazu kommt seine klare Warnung, dass sich selbst das Protokoll noch ändern kann.

Ob JTTY tatsächlich einen Platz neben RTTY, FT8, FT4 und anderen Digimodes findet, lässt sich wenige Tage nach Veröffentlichung nicht seriös beantworten. Technisch und betrieblich verfolgt der Modus aber einen Ansatz, den WSJT-X in dieser Form bisher nicht angeboten hat: freie Tastaturkommunikation mit moderner Weak-Signal-Technik.

Interessierst du dich für Technik und Amateurfunk?

Dann besuche uns nach kurzer Voranmeldung an jedem dritten Montag im Monat ab 18:30 Uhr im Galileum in Solingen-Ohligs. Weitere Informationen zu unseren OV-Abenden findest du auf unserer Website www.cqsg.de unter „Termine“.

Wenn du bereits Funkamateur bist, melde dich gern auf unserer OV-Frequenz 144,7125 MHz. Wir freuen uns auf dich! 🤗

Quellen und weiterführende Informationen

🌐 WSJT Development Team: WSJT-X User Guide für Version 3.2.0-rc1

🌐 WSJT Development Team vom 24.09.2026: Release Candidate WSJT-X v3.2.0-rc1

🌐 WSJT-X Project: About WSJT-X und Entwicklungsteam

🌐 DARC HF-Referat vom 25.09.2026: JTTY – schneller, empfindlicher Tastatur-Digimode für Contest & Chat

🌐 N1MM Logger+ vom 22.09.2026: Update 1.0.11449 mit WSJT-JTTY-Schnittstelle

🌐 WS - Digital Mode Suite von Uwe Risse, DG2YCB, et al. auf SourceForge

🎬 Uwe Risse, DG2YCB, vom 26.09.2026: WS v3.2.1 (beta) mit JTTY

🌐 Uwe Risse, DG2YCB, vom 25.09.2026: Ankündigung zur Übernahme von JTTY in die WS Suite

Bildhinweis: Mit KI erstellt oder bearbeitet.



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